Bruxelles Insights #2


Von Mäusen, Kunst, Platzangst und „The New Berlin“ – was zwei Monate in Belgiens Hauptstadt mit einer jungen Kunsthistorikerin machen erzählt sie uns höchstpersönlich und brühwarm in ihren Insights alle zwei Wochen.

Magritte, Marcel Broodthaers und Deepthroat Techno

von Fay Lazariotis

Ich habe Eyck jetzt schon eine Weile nicht mehr gesehen. Ein bisschen mache ich mir Sorgen, dass er in die „Falle“ der Landlady getreten ist, die aus einem mit Kleber bedeckten Papier besteht. „The mouse is going to run into the glue and BAMM he´s stuck to it“. Was sie beabsichtige mit einer auf einem Papier klebenden, noch lebenden Maus zu tun, konnte sie mir allerdings nicht verraten.

Die Vernissage der Ausstellung „Magritte, broodthaers and contemporary artists“ habe ich derweil besuchen können – bei meiner Ankunft sah ich ein paar Kollegen lässig vor dem Personaleingang, dem Backstage der Kunsthistoriker, stehen und warf meinen Alibi-Hut sofort unbemerkt in die Tonne. Vor der Ausstellung gab es natürlich exquisite Snacks und viel Sekt. Beim Vortrag eines anerkannten Kunsthistorikers, nach welchem die Ausstellung offiziell für eröffnet gelten sollte, folgten die Köpfe nicht dem Vortrag, sondern den hin- und herwabernden Kellnern mit den großen Sektgläsern.

Die Ausstellung an sich war gefüllt mit Magritte-Originalen wie „La trahison des images“ und Interpretationen seiner Werke durch moderne und zeitgenössische Künstler wie Jasper Johns oder Robert Rauschenberg. Interessant für mich war hierbei besonders der weitere Fokus auf Marcel Broodthaers, der mir vorher – shame on me – tatsächlich wenig untergekommen war, in Belgien allerdings als surrealistischer Maler belgischer Abstammung ganzer Nationalstolz ist.

Photo by flavor_fay / INSTAGRAM

Die Nocturnes brachten mich vergangene Woche in das Museum of Erotics and Mythology , ein kleines Museum im ersten Stock eines schmalen Hauses, das mitten im Zentrum gelegen und nur einen Katersprung von den königlichen Museen entfernt ist. Dort kann man Dildos aus Porzellan und schmutzige Zeichnungen bestaunen, die bis ins späte 17. Jahrhundert datiert sind. Sehr gut gefiel mir auch das Pillendöschen aus dem 19. Jahrhundert, dessen Innenleben eine dermaßen kleine pornografische Zeichnung zierte, dass der Betrachter eine Lupe brauchte, um diese zu begutachten.

Das jemand so große Sprünge für ein wenig sexy time im Alltag machen würde, faszinierte mich sehr. Ich stellte mir die Besitzerin besagten Pillendöschens als zittrige alte, gut betuchte Dame vor, die schelmisch lächelnd zu ihrem Pillendöschen greift – ausgefuchster geht es kaum.

Vom 13.-15.10. fand der Techno Elektro Marathon statt, bei dem jährlich über 30 Clubs teilnehmen. Viele verlangen dabei gar keinen Eintritt und so kann man drei Tage lang zu keinem oder kleinem Preis in feinen Läden tanzen gehen. Viele gute Clubs sind im Stadtzentrum angesiedelt, das Zodiak  zum Beispiel ist praktischerweise zwischen fünf aneinandergereihten Griechisch Restaurants angesiedelt und lässt den Hunger in der Nacht gar nicht erst aufkommen.

Nicht Teil des Marathons, aber dennoch sehenswert fand ich bis jetzt die kleinen Konzerte des Plattenladens balades sonores, die ungefähr alle zwei Wochen stattfinden und von Singer Songwriter bis deepthroat techno (ist das ein Begriff? Ich habe das Gefühl, dass das ein Begriff ist in der Szene) jeglichen Geschmack bedienen. Außerdem gefällt mir die Plattenauswahl und die Betreiber sind unglaublich nett.

Da meine Tage mit Arbeit gefüllt sind und die meisten Museen leider um fünf Uhr schließen, hatte ich es mir letzten Endes zur Aufgabe gemacht, in meiner kurzen Mittagspause wenigstens endlich mal das Old masters museum  zu besuchen, welches sich bei den königlich-belgischen Museen befindet. Und so nutzte ich meine kurze Pause, um vor Meisterwerken von Peter Paul Rubens, Hieronymus Bosch und Simon Vouet zu sitzen, während ich genüsslich in mein Käsebrot biss. Jeder vorbei wandernden, fragend blickenden Aufsichtsperson zeigte ich nur stumm meinen Museumsausweis „Pas de souci. Je travaille ici.“ Und fühlte mich besonders, wenn auch etwas schlecht.

Man isst keine Käsebrote in solch angesehenen Museen – oder versteckt sie zumindest gut, beispielsweise in der galanten Innentasche eines langen Mantels.

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