Bruxelles Insights #3


Von Mäusen, Kunst, Platzangst und „The New Berlin“ – was zwei Monate in Belgiens Hauptstadt mit einer jungen Kunsthistorikerin machen erzählt sie uns höchstpersönlich und brühwarm in ihren Insights.

The real belgian experience

von Fay Lazariotis

Ich gewöhne mich an das schnelle Leben hier. Auf meiner Arbeit hatte ich vor kurzem ein 1929 erlassenes Gesetz der Stadt Berlin gelesen, welches Bürgern das Stehenbleiben auf dem Bürgersteig untersagte. Mittlerweile erwische ich mich immer öfter mit dem Ohrwurm „Gehen die Leute eigentlich absichtlich so langsam?“, während ich zur Arbeit stolziere.

Am Festtag des Königs entschied ich mich, einen Ausflug ins feine Gent zu machen. Dort gibt es im SMAK derzeit eine Gerhard Richter Ausstellung namens „Over Schilderen“ („Über Gemälde“) zu bestaunen, die von seinen frühesten Werken der 60er Jahre hin zu neuen Arbeiten aus diesem Jahr reichen. Chronologisch geordnet reihen sich die jüngeren Werke um Richters Glasskulptur 4 panes of glass von 1967, die zwischen Decke und Fußboden geklemmt ist und die ausgestellten Werke widerspiegelt. Sein Spätwerk wiederum ist um die Glasskulptur 7 panes (house of cards) gegliedert. Als ich den Raum betrat, war eine alte Dame gerade dabei, durch die gläsernen Scheiben zu huschen und wurde lauthals vom Security-Mann heraus gejagt.

Gerhard Richter_installation S.M.A.K. 2017, foto Dirk Pauwels

Gleich gegenüber vom SMAK ist das MSK, das Museum voor Schone Kunsten, in dem die Ausstellung „From Bosch to Tuymans: a vital story“ einen neuen Überblick über die hauseigene Sammlung gibt. Aufgrund meiner Arbeit an der Ausstellung New Berlin fand ich vor allem die abstrakte Kunst der 20er Jahre, die surrealistischen Werke und die russische Avantgarde mit unter anderem El Lissitzky und Malevitch interessant. Unabhängig davon hat mir die Installation Metafloristics der Schweizer KünstlerInnen Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger gut gefallen, die für ihre interaktiven Werke bekannt sind und Räumlichkeiten durch Verwendung alltäglicher Objekte für sich einnehmen. Die mit Sträuchern, Plastikspinnen und farbigen Büscheln gefüllte Installation lässt sich gut von den angebrachten Liegemöglichkeiten aus bestaunen und wirkt durch den mit einer Glaskuppel ausgestatteten Raum ziemlich magisch.

Yeah I'll just stay at the #msk, thank you

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Durch die Nocturnes kam ich in das Vergnügen, das Braille Museum zu erkunden, das die Entwicklung vom Ursprung der Blindenschrift durch Louis Braille bis hin zu heutigen Technologien aufzeigt. Eine Timeline mit historischen blinden Persönlichkeiten fand ich wiederum ganz interessant – mir war irgendwie nie so ganz bewusst, dass Homer blind war. Und Gogol anscheinend auch!

Ich verbringe derweil viele meiner Arbeitstage in einer Bibliothek, in der ich für die Ausstellung recherchiere oder Ausgaben mit Originaldrucken von beispielsweise Frans Masereel sichten muss, die möglicherweise ausgestellt werden sollen. Es gibt verschiedene Abteilungen, aber in keiner bekommt man so leicht ein Buch. Es gilt, tausend Formulare auszufüllen und Formulare über Formulare einzutragen und ich fühle mich oft so, als würde ich Passierschein A38 besorgen müssen. Als ich einen Angestellten einmal fragte, warum das ganze nicht digitalisiert sei, meinte er, dass der Versuch wohl vor Jahren unternommen worden war und kläglich scheiterte, da die beauftragte Firma aus Kanada kam und insofern die meisten niederländischen Bücher falsch eintrug. Ich habe ihn daraufhin gefragt, ob in Kanada denn keiner niederländisch rede, wobei er nur trocken meinte, dass kein Mensch wirklich niederländisch spreche.

Ich lerne derweil gerne niederländisch und auch wenn ich nicht vorhabe, die abertausend Bücher dieser Bibliothek selbst zu digitalisieren, finde ich die Sprache sehr hübsch und sie erinnert mich an meine all time favorites Linda de Mol und Rudi Carrell.

Tot binnenkort!

VASiSTASmag

written by VASiSTASmag

It's VASiSTAS, Online Blog On Contemporary Art, based in Dresden, Germany

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