Wie sollen wir sehen? Die Ausstellung SUPERSTIMULUS fordert unsere Reize heraus


In Leipzig gibt es einen neuen Ausstellungsort: die A&O Kunsthalle. Sie will vorrangig jungen Kunstschaffenden die Möglichkeit bieten in großen Räumen auszustellen.

Ende Februar eröffnete dort nun die zweite Gruppenausstellung  SUPERSTIMULUS. Die Kunsthistorikerin Anja Skowronski übernahm dabei das Kuratieren. In unserem Gespräch gibt sie Aufschluss über die Bedeutung des Titels, die Nutzung der Räumlichkeiten und wie sie selbst zum Beruf der Kuratorin steht. 

Von Laura Gerstmann

Nadja Kurz, Bioturbation Animation, 2019 und Tobi Keck, Shoppingday Ossuary, 2019

VASiSTAS:
Wie ist die Idee zur Ausstellung entstanden?

Anja:
Die Idee kam ursprünglich von Lisa Woelfel und den anderen an der Ausstellung beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, da es immer wieder zum Auftauchen von grotesken Momenten in den Werken kam. Diese Übertreibungen und Überhöhungen innerhalb der Arbeiten als Gemeinsamkeit waren quasi der Ausgangspunkt, um eine gemeinsame Ausstellung zu starten.

 

Nadja Kurz, >>>>and prolapse, 2016

 

VASiSTAS:
Und wie bist du zur Gruppe gestoßen?

Anja:
Der Kontakt entstand über Lisa, die ich bereits vorher kannte und die mich gezielt angefragt hat, ob ich Lust habe die Ausstellung zu kuratieren und die Werke in einer Ausstellung miteinander zu vereinen.

 

“SUPERSTIMULUS beschäftigt sich mit der Frage nach Sehgewohnheiten und visuellen Impulsen innerhalb des Bereiches der Bildenden Kunst. Der Begriff ist aus dem Bereich der Neurowissenschaft entlehnt und bezeichnet unter anderem die Stimulierung und Beeinflussung von Schlüsselreizen.”

 

VASiSTAS:
Was hat dich besonders gereizt, die Kuration für die Ausstellung zu übernehmen?

Anja:
Vor allem die Realisierung von Projekten, die außerhalb des musealen Arbeitsalltags stattfinden und somit eine andere Dynamik haben. Generell war ich auch an der Auseinandersetzung mit neuen Künstlerinnen und Künstlern interessiert, um eigene gewohnte Wege und das eigene Schaffen zu durchbrechen und immer wieder zu hinterfragen.

Insbesondere bei der Ausstellung in Leipzig ist auch die Frage, wie man die thematischen Zusammenhänge von so vielseitigen Werken zusammenbringen und miteinander vereinen kann, dass die Gedanken auch Besucherinnen und Besuchern erkenntlich werden.

 

Nadja Kurz, Factory of Good Will, 2018, Würste und Gesetze / Küchenhilfe / Wasserspender / Kunde des Monats

 

VASiSTAS:
Der Titel SUPERSTIMULUS ist ein Begriff aus den Neurowissenschaften – warum habt ihr euch dafür entschieden und was kann einen bei der Ausstellung erwarten?

Anja:
Der Begriff kam bereits vorab von der Gruppe. Daher habe ich versucht unter diesem Aspekt die Werke miteinander in Beziehung zu setzen und auf neuen Ebenen miteinander zu verknüpfen. Die Begrifflichkeit bringt im Bezug auf die Kunstwerke noch ganz andere Diskussionsebenen auf. Beispielsweise über Qualität und Quantität, Oberflächen und Inhalte oder im weitesten Sinne Schein und Sein.

Somit verweist der Begriff auch gleichzeitig auf die Problematik, dass ausschließlich tolle Inhalte ein Kunstwerk in dem Sinne noch nicht „gut“ machen. Auch die visuellen Reize der Betrachtenden müssen angesprochen werden und Impulse an die Sehreize gesendet werden, damit ein Kunstwerk als ansprechend empfunden wird. Diese Blickweise ist aber natürlich immer vom eigenen Blickwinkel abhängig und die pauschale Beurteilung nach „gut“ und „schlecht“ in dem Sinne vielleicht gar nicht möglich und untersteht somit einer gewissen Hinterfragung.

 

Lisa Woelfel, Pilzstrauß, 2018 / Betüddeln, 2018 / Fuß, 2019

VASiSTAS:
Die Arbeiten beschäftigen sich alle mit der Übertreibung visueller Reize, jedoch mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Wie war für dich die Anordnung/Hängung der Werke in der Ausstellung? Gab es Schwierigkeiten, alle zusammenzubringen?

Anja:
Die Hängung der Werke habe ich zum einen an bestimmte markante Punkte der Räumlichkeiten angepasst. Davon ausgehend setzte ich alle Werke über die Verknüpfung von inhaltlichen und motivischen Aspekten zueinander in Verbindung. Damit versuche ich den Betrachtenden Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten der Werke aufzuzeigen. Diese bestehen über den Titel der Ausstellung hinaus in wiederkehrenden Symbolen, Materialien oder Thematiken.

Lisa Woelfel arbeitet mit grellen Farben und als Motive tauchen Köpfe, Hände und Füße immer wieder auf. Auch in den Werken von Andrea Barzaghi sind Hände und Arme wiederkehrende Elemente. Insbesondere in seiner speziell für den Raum gestalteten Installation, sind diese an mehreren Stellen zu finden.

Über diese Motive ergibt sich auch ein spannender Anknüpfungspunkt zu einigen Werken von Nadja Kurz. Welche auf ihren Flaggen, unter anderem, auch Hände darstellt und mit deren Verstümmelung auf humorvolle Art und Weise gleichzeitig unser Ekelempfinden triggert.

Diesen Werken gegenüber habe ich wiederum die Arbeiten von Michael Eppler gestellt, der mit den skurrilen Charakteren seiner Bildgeschichten und mit einer anderer Art von Gewalt und Fleischhaftigkeit des menschlichen Körpers spielt. So tauchen dort beispielsweise nackte Männer mit Maschinenpistolen auf, die auf Schaumleinwände gedruckt wurden.

An Nacktheit und die Verwendung von ungewöhnlichen Materialen knüpfen auch die Arbeiten von Tobi Keck an, der Alltagsgegenstände zu Kultobjekten umwandelt und Pornodarstellerinnen in Göttinnen verwandelt.

 

Michael Eppler, Masculine Fun with Sub Machine Gun, 2019 und Andrea Barzaghi, Nascita, 2019

 

“Wir wollten die Sehgewohnheiten ändern und neue Betrachtungsweisen fordern.”

 

Andrea Barzaghi, Di passaggio, 2019 / Pittore con autoritratto, 2017 / Scala, 2019 / Caccia, 2018 / Braccia, 2018 (von links nach rechts)

 

VASiSTAS:
Bei den Räumlichkeiten habt ihr auch den Vorraum mit einbezogen, der normalerweise für die Garderobe genutzt wird. 

Anja:
Genau, wir wollten die Atmosphäre des Raumes neu gestalten, um die Besucher auf die Ausstellung einzustimmen. Es soll ein kleiner Teaser sein, eine optische Anknüpfung an Beinhäuser, um einen extremen Cut zwischen Vorraum und Ausstellungsraum für die Besucher zu vermeiden.

Tobi Keck hat dafür etwa 4 500 Gipsabdrücke von Trilobiten, einer ausgestorbenen Klasse von Meeresbewohnern der Gliederfüßer, zu einer Installation im ersten Raum verarbeitet, die an barocke Formgebungen erinnern. In Kombination mit dem Video „Bioturbation Animation“ von Nadja Kurz soll eine Sehreizübersteigerung stattfinden, die an ebendiese in der Natur erinnern soll.

 

“Für mich sind die Bereiche Vermittlung und kuratorisches Arbeiten unabdingbar miteinander zu vereinen.”

 

Tobi Keck, Stehende Venus, 2016 / Ruhende Venus, 2016 und Michael Eppler, A portrait of the artist as a young man/old man, 2016

VASiSTAS:
Gerade machst du noch ein wissenschaftliches Volontariat in der Vermittlungsabteilung des Neuen Museums Nürnberg. Ist die Zusammenarbeit mit Künstlern*innen etwas was du weiterhin ausbauen möchtest? – Vor allem im kuratorischen Bereich?

Anja:
Für mich gehen beide Bereiche Hand in Hand und haben sehr viel miteinander zu tun. Während meines Volontariates war ich auch kuratorische Assistenz bei der Ausstellung „Goshka Macuga. Intellectual Co-operation“ und konnte Erfahrungen im kuratorischen Bereich ausbauen. Meiner Meinung nach ist es unabdingbar beide Bereiche miteinander zu vereinen und den Leuten eine Ausstellung so zu präsentieren, dass ein Zugang zu den Arbeiten stattfinden und ein breites Zielpublikum erreicht werden kann.

Im Rahmen der Ausstellung SUPERSTIMULUS fand dies eher auf der Ebene der Gegenüberstellung von Werken zu und miteinander statt, da es eine ziemlich traditionelle Präsentation der Werke im White Cube ist. Über Erzählstränge und Inhalte habe ich versucht die Werke zueinander in Beziehung zusetzen und somit die Gegenüberstellungen nachvollziehbar werden zu lassen ohne dabei Assoziationsräume zu unterbinden

VASiSTAS:
Was habt ihr für die Finissage geplant?

Anja:
Vor der Finissage haben wir noch ein KünstlerInnengespräch am Sonntag, den 31. März um 17 Uhr, zu dem wir alle Interessierten herzlich einladen. An der Abschlussveranstaltung, die am 6. April stattfindet, lädt die A&O Kunsthalle ab 19 Uhr zu Drinks und Musik ein.  

 


Wenn du jetzt Lust auf die Ausstellung bekommen hast: SUPERSTIMULUS läuft noch bis zum 6. April in der A&O Kunsthalle mit Arbeiten von ANDREA BARZAGHI, MICHAEL EPPLER, TOBI KECK, NADJA KURZ und LISA WOELFEL.

Kennst du eigentlich? Heute: Galerie Gebr. Lehmann


Heute startet unsere neue Interview-Reihe “Kennst du eigentlich?”. Ab sofort stellen wir dir hier Orte vor, an denen Kunst gemacht, gezeigt, besprochen oder anderweitig zelebriert wird. In 10 Fragen und 10 Antworten lernst du nicht nur die Räume, sondern auch die Verantwortlichen dahinter besser kennen.

Den Anfang in unserer Serie machen Frank und Ralf Lehmann von der gleichnamigen Galerie  Gebrüder Lehmann. Ein echtes Urgestein mit Tradition in der Dresdner Galerielandschaft.

Von Isabella Engelhardt & Paula Wunderlich

VASiSTAS:
Stellt euch doch erst einmal vor, wer seid ihr denn überhaupt?

Galerie Gebr. Lehmann:
Galerie Gebr. Lehmann bedeutet Gebrüder, also mindestens zwei. Wir sind Frank und Ralf Lehmann und leiten die Galerie seit 30 Jahren. Frank ist rund fünf Jahre jünger. Wir haben weder Kunst noch Kunstgeschichte studiert.
Die Kennerschaft ist durch Liebe zur Kunst und die Nähe zu den Künstler*innen entstanden. Das kann man nicht studieren.

Frank und Ralf Lehmann. Foto: Galerie Gebr. Lehmann 

 

“Mittlerweile ist hier die höchste Konzentration mit Orten für zeitgenössische Kunst in Dresden entstanden.”

 

VASiSTAS:
Wo findet man euch?

Galerie Gebr. Lehmann:
Seit einem reichlichen Jahr ist die Galerie am Neustädter Markt 11/12, mit Blick auf den Goldenen Reiter und den tollen Brunnen von Friedrich Kracht aus den 70er Jahren; auf das Blockhaus, welches das Archiv der Avantgarden von Egidio Marzona aufnehmen wird; zur Semperoper und zu den tollen Sonnenuntergängen, die nach Caspar David Friedrich aussehen. Nach Ewigkeiten im Hinterhof eine Offenbarung!

Mittlerweile ist hier die höchste Konzentration mit Orten für zeitgenössische Kunst in Dresden entstanden. Wenn ihr Glück habt, trefft ihr uns auch persönlich in der Galerie. Aber unser Team ist mindestens genauso gut wie wir!

Ausstellungsansicht von Lara Schnitger “Don’t Let The Boys Win.” in der Galerie Gebr. Lehmann vom 26.09.2017 bis 11.11.2017. Foto: David Pinzer 

 

VASiSTAS:
Und wo findet man euch, wenn ihr gerade nicht in der Galerie seid?

Galerie Gebr. Lehmann:
Viel in Berlin, oft auf Messen, weltweit zu Ausstellungen von unseren Künstler*innen, Sammler*innen besuchen. Die Welt wird quasi fremdgesteuert erobert, dafür umso überraschender.

VASiSTAS:
Wie kam Dresden zu euch?

Galerie Gebr. Lehmann:
Wir waren schon da, quasi schon immer, in Dresden. Später kamen dann die richtigen Künstler*innen und auch Freund*innen dazu. Der Kreis wurde immer größer, reicht von Los Angeles bis Tokyo.

VASiSTAS:
Gibt es einen Moment, der euch besonders im Kopf geblieben ist?

Galerie Gebr. Lehmann:
Ganz viele!!! Begegnungen mit Curt Querner, Penck, Willy Wolff; unsere erste Eröffnung, als Christoph Tannert sprach; die erste Einzelausstellung eines Künstlers von uns Mitte der 90er Jahre in New York, wo wir uns ein billiges Hotelzimmer teilen mussten, weil wir kein Geld hatten. Und dann alle Galerieumzüge mit großen Festen.

Ausstellungsansicht “Textiles” in der Galerie Gebr. Lehmann vom 03.11.2018 bis 12.01.2019. Foto: David Pinzer 

 

VASiSTAS:
Warum braucht euch Dresden?

Galerie Gebr. Lehmann:
Dresden braucht mehr als nur uns: eine gut funktionierende Szene für zeitgenössische Kunst. In der Äußeren Neustadt ist das alles eingeschlafen, aber am Neustädter Markt passiert richtig was. Das muss aber alles eigenständig bleiben und nicht von Kulturhauptstadtbewerbungen abhängig sein.

 

“Von unseren Künstler*innen werden wir noch immer inspiriert, sie verändern unseren Blick auf die Welt weiterhin.”

 

VASiSTAS:
Wer oder was hat euch inspiriert bzw. tut das vielleicht immer noch?

Galerie Gebr. Lehmann:
Die oben genannten Künstler*innen und besonders auch Wilhelm Müller. Mit Ihrer jeweiligen Kompromisslosigkeit was die eigene Kunst betrifft und Kunst allgemein. Müller hat damals unsere Künstler*innen auch wegen seiner gewagten Farbkombinationen begeistert. Und natürlich werden wir von ihnen noch immer inspiriert, sie verändern unseren Blick auf die Welt weiterhin.

VASiSTAS:
Was steht in Zukunft an?

Galerie Gebr. Lehmann: 
Unsere relativ neuen Räume immer weiter auszutesten und zu vereinnahmen, hoffentlich viele tolle Ausstellungen und ganz viel unterwegs zu sein für und mit unseren Künstler*innen. Die exotischsten sind Havekost in Los Angeles und Lüning auf der Kinderbiennale in Singapur.

VASiSTAS:
Was sollte man in nächster Zeit auf gar keinen Fall verpassen oder was kann man sich guten Gewissens sparen?

Galerie Gebr. Lehmann:
Die Ausstellung “Gegen die Unsichtbarkeit” im Japanischen Palais. Die vergessenen Frauen von Hellerau, mit tollen Objekten, tollem Design, sichtbar machen einer verrückten Epoche in Hellerau. Nichts Sehenswertes ist mir zum Glück gerade nicht untergekommen, habe wohl gut vorsortiert.

 

“Kunst hört nie auf Spaß zu machen.”

 

VASiSTAS:
Habt Ihr zum Ende noch ein treffendes Schlusswort oder eine Lebensweisheit für unsere Leser*innen?

Galerie Gebr. Lehmann:
Kunst hört nie auf Spaß zu machen, die Kennerschaft zu entwickeln ist nie zu Ende, immer offen für Überraschungen zu bleiben. Die Welt mit den Augen der Künstler*innen zu sehen ist immer wieder spannend und keinen Stillstand zulassen.

 


Aktuell gibt es  noch bis zum 27. April 2019 Lisa Pahlke mit ihrer Ausstellung zu sehen.

Die Galerie Gebr. Lehmann ist dienstags bis freitags von 11.00 Uhr bis 18.00 und samstags von 11.00 Uhr bis 16.00 geöffnet.

Noch mehr Informationen über vergangene, laufende und kommende Ausstellungen findest du auf ihrer Website. 

Du willst über einen ganz bestimmten Ort noch mehr wissen? Dann schreib uns gerne, was dich noch interessiert!

“If I were to create a world it would be a tidally locked Earth-like world where one side of the planet always faces the sun.”


Estevan Mykhail Guzman is a 3D animator with a passion for physics and space travel. He currently works at the Griffith Observatory in Los Angeles, California. As a “space artist” Estevan finds inspiration in science and space travel for his works. In October 2018 he was invited for an artist talk at PYLON-Lab in Dresden.

Weiterlesen ““If I were to create a world it would be a tidally locked Earth-like world where one side of the planet always faces the sun.””

Peace, Love & Happiness – Mit Tumvlt aka Olivia Schneider im Rausch der Likes.


Sie studiert Bildende Kunst an der HfBK Dresden und ist mit ihrer künstlerischen Arbeit hauptsächlich auf Instagram unterwegs. Zu finden ist Olivia Schneider dort unter dem Pseudonym Tumvlt. Tumvlt ist eine waschechte Poserin, trägt ausschließlich Schwarz, liebt Emoticons und beschäftigt sich eigentlich nur mit sich selbst.

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Offener Brief zur Situation in Dresden

VASiSTAS hat einen offenen Brief zur Situation in Dresden erhalten. Wir haben diesen Brief mitunterzeichnet und wollen ihn nun hier allen zur Verfügung stellen. Gerne teilen!


 

„Sehr geehrte Damen und Herren,

was passiert, wenn die rechts-konservative Bündnisse im Zuge der anstehenden Wahlen an Macht gewinnen?

Diese Frage steht dieser Tage allerorts und überdeutlich im Raum. Einen sehr konkreten Vorgeschmack darauf, wie sich eine Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse zu Gunsten einer rechts-konservativen Mehrheit allein auf die Bereiche Kultur und Soziales auswirken wird – und schon jetzt auswirkt – gibt die aktuelle Situation im Dresdner Stadtrat. Denn hier ist diese beängstigende Version einer Zukunft bereits in der Realität angekommen – mit verheerenden Folgen. Als Tätige aus den Bereichen Kultur und Soziales in Dresden wenden wir uns an Sie in dieser kommunalpolitischen Angelegenheit, die beispielhaft ist für eine zunehmend rechte Orientierung auf Regierungsebene.

Im November 2018, kurz vor dem Beschluss des Doppelhaushalts 2019/2020 haben drei Abgeordnete die SPD-Fraktion verlassen. Ein Abgeordneter der Linken wechselte zur FDP. Seither bilden CDU, FDP und diese drei ehemaligen SPD-Abgeordneten, die nun als Bürgerfraktion auftreten, eine neue Mehrheit im Stadtrat – wenn sie mit der AFD kooperieren.

Und genau das passiert: bei den bisherigen Abstimmungen traten CDU, FDP, Bürgerfraktion und AFD bereits geschlossen auf. Ein Abstimmungsverhalten, das schon jetzt reaktionäre Züge aufweist, wie sich etwa in der konzeptionellen Rückkehr zur autofreundlichen statt fahrradfreundlichen Stadt am 24. Januar 2019 zeigte.

Auch für noch ausstehende Entscheidungen befürchten wir eine geschlossene Haltung dieses rechts-konservativen Bündnisses und sind in Sorge darüber, wie diese Entscheidungen nachhaltig das soziale und kulturelle Leben in Dresden beeinflussen werden.

Besonders deutlich wird dies im beschlossenen Doppelhaushaushalt 2019/2020. Bereits mit OB Hilbert vereinbarte und beschlossene Fördermittel für zahlreiche Projekte aus den Bereichen kommunaler Kultur, Soziales, Kinder- und Jugendhilfe und Gleichstellung kommen darin nicht mehr vor. Dabei entstehen die Mehrbedarfe als logische Folge steigender Kosten für Personal- und Sachausgaben. In den allermeisten Fällen reden wir hier also nicht von einer tatsächlichen Erhöhung der Förderung, sondern lediglich von einer Anpassung an den objektiv steigenden Bedarf für Personal, Miete etc., wie sie in allen Bereichen passieren. Es geht also hier nicht um ein „Mehr“, sondern um den Erhalt des Status Quo, die Sicherung wichtiger Arbeit in Bereichen, deren Lage ohnehin mehr als prekär ist.

Am 8. Februar wird in einer Sondersitzung des Stadtrats über einen Eilantrag der Rot-Grün-Roten Koalition abgestimmt. Dieser sieht vor, Fördermittel im Bereich Soziales und Kultur zu sichern, welche bisher im Doppelhaushalt nicht berücksichtigt wurden.

Um Ihnen die Situation ein wenig näher zu bringen, wollen wir die Streichung von Fördermitteln am Beispiel der Kulturförderung kurz erläutern:

Allein für den Bereich der Darstellenden Kunst in Dresden wurde ein Mehrbedarf von 2,1 Millionen Euro ermittelt, von denen bis November 2018 immerhin 0,5 Millionen Euro (allerdings für die gesamte Kulturförderung) in die Haushaltsplanung einbezogen wurden. Sollte dem Eilantrag nicht stattgegeben werden, fehlt sogar diese Summe.

Neben größeren kulturellen Institutionen wie der Volkshochschule und der Ostrale (Zentrum für zeitgenössische Kunst e.V.) sind auch viele kleinere Vereine und Projekte betroffen. Der Eilantrag soll deren Erhalt sicherstellen. Die Gelder für Nachbesserungen des Doppelhaushaltes sind faktisch vorhanden, denn der Stadtrat hat genau dafür eine Liquiditätsreserve mit verfügbaren Mitteln in Höhe von 43 Millionen Euro beschlossen.

Am kommenden Freitag soll nun endgültig im Stadtrat über den Eilantrag entschieden werden. Im Finanzausschuss wurde er bereits durch konservative Stimmen abgelehnt, fand allerdings im Sozialausschuss u.a. durch eine Stimme aus der Bürgerfraktion eine knappe Mehrheit. Es ist also noch nicht zu spät! Sollte der Eilantrag abgelehnt werden, würde das nicht nur das Aus für eine Vielzahl guter und wichtiger Projekte bedeuten. Insbesondere vor dem Hintergrund der Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt Europas wirft eine solche Entscheidung Fragezeichen auf.
Für die Dresdner Stadtgesellschaft bedeutet eine Ablehnung des Eilantrages massive Einschnitte in allen Bereichen, die für ein soziales, kulturelles und demokratisches Miteinander unerlässlich sind. Es bedeutet nicht weniger als die Streichung von Bildungs- und Beratungsangeboten für Menschen, die schon jetzt keine Lobby mehr und Unterstützung dringend nötig haben.

Wir sind davon überzeugt, dass die finanzielle Förderung der Kultur- und Bildungslandschaft als auch der Angebote für Kinder und Jugendliche essentiell ist, wenn es um die nachhaltige Gestaltung einer pluralistischen, offenen und toleranten Gesellschaft geht. Und wir befürchten, dass diese Einschnitte nicht die letzten sein werden.

Schauen Sie nicht weg, wenn in Dresden die Vielfalt in Kultur und Sozialem gefährdet ist! Lassen Sie die Stadträte, die Stadträtinnen und den Oberbürgermeister wissen, dass Sie die kulturellen und sozialen Entscheidungen und Entwicklungen kritisch verfolgen. Zeigen Sie sich solidarisch mit den Kulturschaffenden und Akteuren im Bereich Jugend und Soziales der Landeshauptstadt Dresden, mit unserem Kampf für eine diverse und freie Kulturlandschaft und Gesellschaft.

Lassen Sie nicht zu, dass Dresden kippt.
Dresden, den 6. Februar 2019

Es zeichnen
Adele Schmuck
Amac Garbe | Pressefotograf
Andrea Hilger | Leitung OSTRALE | OSTRALE – Zentrum für zeitgenössische Kunst e.V.
Andreas Schanzenbach | Gründer und Chief Innovation Officer | CROMATICS
Anett Bauer | Bildende Künstlerin | Muah
Anna Till | Choreografin und Tänzerin | situation productions GbR
Anne Pollenleben | Bloggerin und Poetry Slammerin
Antje Hellwig
Antje Wonneberger | Inhaberin Antje Dahm Maskenbild Design und Aufsichtsrätin für Darstellende Kunst | Wir gestalten Dresden
AUDITIVVOKAL
Banda Internationale
Benjamin Butter | Künstler
Bettina Lehmann | production management | situation productions GbR
Björn Lehninger
Carolin Killian |Studierende an der TU Dresden
Charlotte Ünver | Sozialpädagogin
Christian Clauß | Schauspieler
Christina Hrdina |Bürgerin und Mutter
Cindy Hammer | go plastic company, TanzNetzDresden
Claudia Creutzburg |Eltern-Kind-Büro KulturLebenUG Gruna und Prohils/Roter Baum
Cornelia Melzer | Werkstattleiterin Typografie | HfbK Dresden
Daniela Lehmann | Choreografin
Daniela Tonk | Geschäftsführerin | Johannstädter Kulturtreff e.V.
Die Mitglieder des Hole of Fame e.V. Dresden
Dorit Kämpfer
Dorothea Roggan | Freie Landschaftsarchitektin
Dr. Thomas Ranneberg
Dr. Willi Hetze | Vorsitzender Dresdner Literaturner e.V-
Elisabeth Venus
Ellen Demnitz-Schmidt | SPIKE Dresden
Fabian Günther | Sozialarbeiter
Francesca Lötscher Jöhnk alias Koko La Douce | Internationale Burlesque Ikone
Franziska Kusebauch | Freiberufliche Tanzschaffende, Zirkuspädagogin
Franziska Liebe
Frauen*bildungszentrum – Hilfe zur Selbsthilfe
Friedelbert Heidrich | stellvertr. Vorsitzender Literaturner e.V.
Friedrich Schlüter | URGE TO MOVE / FRIMAR Solutions GbR / DAVE Tolerave | Kulturhauptstadt Förderverein
Gaby Pietzschmann | kulturbewusste Bürgerin und ehemalige Einwohnerin der Stadt Dresden
Galerie Stephanie Kelly
Gerd Lohse
Gerede e.V.
Grit Karchow
Heike Zadow | Freie Kulturproduzentin | TanzNetzDresden, the guts company, Villa Wigman
Helge-Björn Meyer | Geschäftsführer Landesbüro Darstellende Künste Sachsen e.V.
Henning Wenzel | Autor
Holm Pinkert | Architekt | Architektur.Werk Pinkert
Irina Claußnitzer | Siebdruckerin | HfbK Dresden
Irina Koch | Mitarbeiterin Öffentlicher Dienst im Freistaat Sachsen
Iris Meusemann | Büro für Kulturvermittlung, Projektberatung und Veranstaltungsmanagement
Isaac Spencer | Freiberuflicher Tänzer, Tanzlehrer. Choreograph
Isolde Matkey | Dipl.-Musikwissenschaftlerin | tristan ProductionI Management I Event UG
Jacqueline Annett Künzel
Jan Kossick | Kulturmanager und Musiker
Jan Wilde | Zeitgebilde UG
Janik Fechtelpeter
Janine Splettstößer
Jenny Coogan | Professorin für Zeitgenössischen Tanz | Palucca Hochschule für Tanz Dresden
Jens Besser | Bildender Künstler und Organisator des Kulturhauptstadtbewerbungsprojekts GhettoResidency
LackStreicheKleber e.V.
Jessica Flecks
Johannes Am Ende | Künstlerischer Mitarbeiter | HfbK Dresden
Jörg Schwertdfeger | Umweltwissenschaftler und Regieassistent
Josefa Hose | Kulturproduzentin | Kultopia gGmbH
Josefine Schulz | Künstlerin | Schimmel Projects- Art Centre Dresden
Josefine Wosahlo | Freie Kulturproduzentin, Dipl. Tanzpädagogin, Tänzerin | the guts company e.V., Villa Wigman für TANZ e.V., TanzNetzDresden
Joshua Nowak
Jula Skomski
Julia Langhammer | PYLON-Lab
Kaddi Cutz | Poetry Slammerin, Autorin, Moderatorin
Katharina Hunsicker-Biederbeck | Studentin der Sozialen Arbeit | TU Dresden
Katharina Kersten | ARMADA OF ARTS
Kevin Sura
KlangNetz-Dresden e.V.
Konstantin Gröber
Kultur sucht Raum
Künstlerbund Dresden e.V.
Lennart Happe
Lisa Pfau
Luca Spliethoff | wissenschaftliche Mitarbeiterin | TU Dresden
Magdalena Weniger | Tanz- und Performanceschaffende | KOMA
Maren Ledworuski | Ergotherapeutin
Maria Liebe | Poetry Slammerin
Maria Nitsche | Freiberufliche Tanzpädagogin
Marie Hänsel | Sängerin | Youkali GbR
Marie Michael
Marie Neumann
Marie Sanders | Autorin
Marita Matzk | Studio für Tanzkörpertraining
Mark Greiser | URGE TO MOVE / FRIMAR Solutions GbR
Martin Büst
Maximilian Stühlen | Schimmel Projects- Art Centre Dresden
Melanie Köhn
Melanie Wahl | Projektmanagerin
Mirjam Hoff | Vorstandsmitglied Literaturner e.V.
Moritz Siegel | freier Lektor und Autor
Natalie Wagner | Choreografin | TanzNetzDresden
Neustadtpiraten (Piratenpartei Ortsverband Dresden-Neustadt)
Nicole Meyer | tristan ProductionI Management I Event UG
Nora Schruth | ARMADA OF ARTS
Noriko Melchior | Freiberufliche Tänzerin
Offener Kindertreff des Kinderladens Känguruh e.V.
Olaf Georgi | Vorstand | Sinfonietta Dresden e.V.
Olek Konrad Witt | Theaterregisseur, Schauspieler, Theaterpädagoge
Peter Tirpitz | Peter Tirpitz Kulissenbau
Petra Schwarzer | Rentnerin
Philipp Demankowski | Pressesprecher | DAVE Festival
Quartiermeister e.V.
Rasmus Roos Lindquist| Schimmel Projects- Art Centre Dresden
Roberto Krebs | DAVE Festival
Romy Schwarzer| Tänzerin, Choreografin
Sara Reuter
Sarah Hoemske | ARMADA OF ARTS
Sascha Möckel
scheune e.V. | Soziokulturelles Zentrum
Serkowitzer Volksoper e.V.
sowieso KULTUR BERATUNG BILDUNG
Stadtteilhaus Dresden-Äußere Neustadt e.V.
Stadtteilrunde Dresden-Neustadt
Stephan Janicki | Musiker und Moderator
Stephan Philipp | DJ und Veranstalter Tolerave
Susan Schubert | Dipl.-Tanzpädagogin, freie Dramaturgin, Choreografin | TENZA schmiede, go plastic company, TanzNetzDresden
Susanne Seifert | Kulturmanagerin, Hörfilmautorin, Mediengestalterin)
Svea Duve | Bildende Künstlerin
Sven Voigt | Leiter der Filmgalerie Phase IV e.V.
Tabea Wittulsky | Tänzerin
Thomas Preibisch | Institut für Gute Laune
Thomas Schmelzer | PYLON-Lab
Thomas Thorausch | Stellv. Archivleiter Deutsches Tanzarchiv Köln
Tim Vetterlein | kulturbewusster Bürger und ehemaliger Einwohner der Stadt Dresden
Trans-Media-Akademie Hellerau e.V. // CYNETART Festival
VASISTAS Magazin
Villa Wigman für TANZ e.V.
Wassily Nemitz |Politikwissenschaftler
Yaelle Dorison | Clownin und Sozialpädagogin

„I try to operate on that emotional, visceral level – just put a mark down and respond“


Working on a magazine and simultaneously curating a show in NYC, artist Madeleine Dietrich has had some busy weeks. An interview about intimacy, events production and the future of art shows.

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