Auf den Spuren der Wahrnehmung – „SPOOR“: Ausstellung der Pilotenkueche in Leipzig

Wer Leipzig kennt, ist nicht mehr zwangsläufig überrascht vom alten Industriecharme und dem Leerstand in der Stadt. Vielmehr hegt die Angst vor der Gentrifizierung. Und während sich so langsam Supermarkt an Supermarkt reiht und Freiräume an Konzerne verloren gehen, finden sich hin und wieder doch noch positive Beispiele und kreative Ideen für die Nutzung von Leerstand.

Gastbeitrag von Julia Gollan

Ein herausragendes Beispiel sind die alten Dietzold Werke in Leipzig Lindenau. Hier haben Ateliers unter anderem das Internationale Kunstprogramm “Pilotenkueche” Einzug gefunden. Das Programm bietet internationalen Künstler*innen die Chance sich drei Monate lang kreativ auszutoben und ihre Fortschritte in insgesamt vier Ausstellungen zu präsentieren.

Nachdem ich mir bei der dritten Ausstellung des Programms “Speech Bubble in der alten Handelsschule in Leipzig bereits einen kleinen Eindruck verschaffen konnte, habe ich mich umso mehr auf die finale Ausstellung “SPOOR” gefreut.

Nicht nur, weil mich “Speech Bubble” sehr neugierig gemacht hat, sondern auch, weil ich auf die Räumlichkeiten und die Atmosphäre des alten Werks gespannt war. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht.

David Benarroch, Installationen / Foto: Julia Gollan

“SPOOR” auf den Spuren der Wahrnehmung

An einem düsteren Samstag Nachmittag mache ich mich also auf den Weg zur Ausstellung “SPOOR”, kaum ein Licht kündigt die Ausstellung an, erst als mich auf den alten, noch nicht sanierten Eingangsbereich zubewege leuchtet mir ein Bewegungsmelder den Weg in den zweiten Stock, die tiefen Stiegen hinauf.

Ein Haufen Laub, alte, von der Decke hängende Tischbeine und eine Videoinstallation empfangen mich.

Tamaki Kawaguchis Installation “Auwald” ist angelehnt an die Märchen der Gebrüder Grimm und spiegelt die Suche nach einer Verbindung zwischen deutschen und osteuropäischen Wäldern wieder. Die Installation steht für mich sinnbildlich für die Intention der gesamten Ausstellung.

Tamaki Kawaguchis, Auwald (2018) / Foto: Julia Gollan

Die Intention

“SPOOR” ist ein niederländisches Wort und steht für die Spur oder den Weg.

Ziel der einzelnen Künstler*innen war es der eigenen Wahrnehmung zu folgen, sich also auf ihrer Spur zu bewegen, so beschreibt es Kuratorin Viviane Tabach. Neben den künstlerischen Aspekten geht es dabei auch um den innerlichen Prozess, den die Künstler*innen während ihres dreimonatigen Aufenthalts durchleben.

Der Umgang mit unterschiedlichsten Materialien und Objekten des Alltags spielen dabei eine große Rolle, denn sie begegneten den Künstler*innen auf ihrem Weg.

Die Betrachter*innen werden durch sieben Kapitel geführt: “Collapse and Entropy”; “The Body as an Architectural Structure”; “Ambivalence”; “Time and its Graphical Form”; “Lightness”; “Particular Collection” und “The Invention of the Landscape”. Die Werke sind sowohl anhand ihrer Ähnlichkeit als ihren Kontrast arrangiert und sollen dabei einen Zustand der Symbiose ergeben.

Mein Weg durch die Ausstellung

Im Hinterkopf begleitet durch die sieben genannten Kapitel, lasse ich mich von meiner eigenen Wahrnehmung führen und nehme mir viel Zeit Details zu betrachten.

Dabei sticht mir immer wieder das besondere Arrangement von Materialien und Formen ins Auge.

David Benarroch begrüßt die Betrachter*innen mit “Welcome”, einer Fußmatte – aus dem Alltag gegriffen. Er arrangiert Objekte wirr und kreiert aus zusammenhanglosen Gegenständen Neues. In “Milk” platziert er auf einer Platte aus Metall, gestützt auf einem Pfahl, Zuckerwürfel oder schafft ein mit “Midnight Bar” ein einzigartiges Wandobjekt, in dem er Hosenträger, von einer Zigarette gestützt, über einen Holzbogen spannt.

David Benarroch, Midnight Bar (2018) / Foto: Julia Gollan

Neben Objekten und Installationen finden sich auch Fotografien und Malereien an den Wänden wieder. Auch hier spielt das Arrangement eine große Rolle. Jan Yongdeok Lim verarbeitet in seinem Gemälde “Barkeeper” Eindrücke aus Literatur, Film und Musik und kreiert aus sechs einzelnen Leinwänden ein farbintensives Gesamtwerk.

Jan Yongdeok Lim, Barkeeper (2018) / Foto: Julia Gollan

Außerdem spielt die Zeit, als ein Element der menschlichen Wahrnehmung, eine Rolle und wird im Kapitel “Time and its Graphical Form” verarbeitet. Heraus sticht dabei Georg Liseks Video “Entrance”. Während der Titel mehrere Räume impliziert, sieht der Betrachter stattdessen einen weißen futuristischen Säulengang in Endlosschleife. Charmant abgespielt auf einem alten Röhrenfernseher – Vergangenheit verbindet sich hier mit Zukunftsvisionen.

Georg Lisek, Entrance / Foto: Julia Gollan

“High – Light“

Zeit vergeht auch, während ich durch die Ausstellung streife. Ein zweiter oder dritter Besuch hätte mir sicherlich noch viele neue Details eröffnet und so bewege ich mich schon etwas “übereindruckt” zum letzten Kapitel “Lightness”. Eine schwarze Plane schafft innerhalb des Raums eine weitere in sich abgegrenzte Fläche mit einem Zugang zur “Außenwelt” durch das geöffnete Fenster.

Zögerlich trete ich durch den Schlitz in der Plane und wider Erwarten geht ein Licht auf. Ein integrierter Bewegungsmelder eröffnet mir mein ganz persönliches Highlight. Finn Curry gelingt es Objekte der Vergänglichkeit unsterblich werden zu lassen. Er arrangiert einfache Funde aus der Natur in Plastikgefäßen – ein leerer Tomatenstiel, Baumsaat, Samen und vieles mehr. Tritt man in den Raum werden die einzelnen Objekte beleuchtet. Sie erscheinen dadurch als wertvolle Naturfunde. Man schreibt ihnen ganz plötzlich Bedeutung zu.

Die letzte Spur

Beim Verlassen der Ausstellung verschmelzen alle Eindrücke. “SPOOR” hat viel Input geliefert und vor allem eines gezeigt: Den persönlichen und kreativen Prozess der Künstler*innen während ihrer Zeit innerhalb des dreimonatigen Programms.

Abschließend sperre ich mein Fahrrad an einem Überbleibsel einer alten Mauer vor dem Gebäude ab. Eine alte D-Mark fällt mir aus meiner Manteltasche. Ich nehme nur das Klimpern war, verliere aber aufgrund der Dunkelheit ihre Spur. Das Licht des Bewegungsmelders geht wieder an und da ist sie – die alte Münze. Ein Relikt der Vergangenheit auf alten Boden, der eine neue, optimale Nutzung erfahren hat.

Es ist wieder soweit: Im Leipziger Westen zeigt die Kunst, was sie kann!


Bereits zum 14. mal finden vom 5. bis 7. Oktober wieder die Kunst- und Kulturraumtage LINDENOW in Leipzig statt. In diesem Jahr erwartet die Besucher*innen erstmals eine zentrale, kuratierte Sonderausstellung mit rund 50 teilnehmenden Künstler*innen.

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